Prof. Dr. Andreas Knie

Interview
Man muss die Eisenbahn wieder in der Gesellschaft verankern

Interview aus der ETR, Ausgabe 10/17

Prof. Andreas Knie fährt gerne Zug. In seinen Studien erfährt der Geschäftsführer des Forschungs- und Beratungsunternehmens InnoZ allerdings, dass er damit in der Minderheit ist. Seine Empfehlung: Die Eisenbahn soll die Digitalisierung nutzen, um durchbuchbare Reiseketten anzubieten.

Heute pilgern viele zu InnoZ unterm Gaskessel in Berlin, um mehr über die digitale Zukunft zu erfahren. Dabei galt Verkehr lange als wenig innovativ.

Früher hat sich keiner für Verkehr interessiert. Bei Veranstaltungen waren wir immer nur zu dritt: der Veranstalter, der Moderator und der Vortragende. Das ist jetzt zum Glück anders.

Was hat sich geändert?

Es wird den Verantwortlichen immer klarer, dass Verkehr ein Problem ist, für das es keine einfache Lösung gibt.

Spielt auch das Internet und die Digitalisierung eine Rolle beim gestiegenen Interesse am Verkehr?

Mit dem Internet haben sich die Handlungsmöglichkeiten vervielfacht. Wie anstrengend war Carsharing in Vor-Internet-Zeiten: das Buchen, das Finden der Fahrzeuge, die Schlüsselübergabe, alles war kompliziert. Jetzt ist alles einfach und sofort verfügbar. Dies verführt die Menschen, auch wirklich alle Möglichkeiten zu nutzen. Der Wechsel der Verkehrsmittel ist sehr einfach geworden.

Haben sich die Ansprüche der Nutzer geändert?

Es gibt kein stabiles Bündel „Mensch“. Die Bedürfnisse jedes Einzelnen unterscheiden sich und verändern sich im Laufe des Lebens. Durch die Verbindung von Digitalisierung und Internet können ganz neue Angebote entstehen oder alte Ideen eine neue Bedeutung bekommen. Nehmen Sie als Beispiel den Clever-Shuttle, eine Anruf-Sammeltaxi-App. Die Idee des Sammeltaxis gab es schon vor Jahren – sie hat sich nicht durchgesetzt. Doch mit der Digitalisierung und damit der Möglichkeit, schnell über eine App zu buchen, ergibt sie plötzlich Sinn. Die neue Verpackung macht eine alte Idee attraktiv.

Die Bereitschaft zur gemeinsamen Nutzung von Dingen steigt, Verkehr ist ein wichtiger Teil der Sharing Economy.

Beim Sammeltaxi läuft man heute nicht mehr Gefahr, sich mit anderen unterhalten zu müssen, denn alle schauen auf ihr Smartphone. Das macht die Sache sicher für die meisten attraktiver. Die Menschen haben heute außerdem eine reflektiertere Einstellung gegenüber dem Auto. Marke, Modell und Eigentum sind nicht mehr so wichtig.

Gibt es bei der Einstellung zum Auto Altersunterschiede?

Schwerpunktmäßig ist diese distanziertere Einstellung bei den unter 28jährigen vertreten, aber sie reicht bis in die Altersgruppe der 40er und 50er hinein. Sie ist besonders bei den sogenannten Postmateriellen vertreten, also bei denen, die es sich leisten können. Doch auch dies ändert sich, je nachdem, wie das Angebot gestaltet ist. Hier in Berlin zum Beispiel kooperiert die Deutsche Bahn bei den Leihfahrrädern mit Lidl. Diese Lidl-Bikes werden vermehrt auch von arabisch-türkisch-stämmigen Jugendlichen gefahren, denn die Marke Lidl ist ihnen vertraut. Auch die E-Scooter kommen gut an. So werden mit neuen Ideen auch andere Kulturkreise erreicht. Doch leider steckt alles in dem Korsett, das sich Verkehrspolitik nennt.

Warum bezeichnen Sie die Verkehrspolitik als „Korsett“?

In Deutschland haben wir ein Personenbeförderungsgesetz, ein Straßenverkehrsrecht, eine Straßenverkehrszulassung, die alle noch aus den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammen. Sharing kann nicht funktionieren, denn man kommt nicht...

Hier können Sie das vollständige Interview als pdf herunterladen.

(Das Gespräch führte Dagmar Rees.)