Dr. Martin Lange

"Eisenbahnsektor braucht zukunftsweisendes Schlüsselprogramm"

 

Dr. Martin Lange, Präsident des Verbandes der Bahnindustrie in Deutschland (VDB), spricht sich für ein gemeinsames Schlüsselprogramm des gesamten Eisenbahnsektors aus, um die „Ära 4.0“ in Deutschlands Schienenverkehr einzuläuten.

1. Der Verband der Bahnindustrie in Deutschland hat unlängst moniert, dass ein Schlüsselprogramm für den gesamten Eisenbahnsektor fehlen würde. Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Was dem gesamten Eisenbahnsektor fehlt, nicht nur allein der Bahnindustrie, ist eine gemeinsame Vision: Ein zukunftsweisendes Leitbild für einen vernetzten Verkehrsträger Schiene, das dem Bahnsektor neuen und kräftigen Vortrieb gibt. Eine solche Zukunfts­ idee sollte auf Dauer angelegt sein und nicht von vorübergehenden Verwerfungen verdrängt werden können.

2. Gibt es für Ihre Zukunftsidee auch Vorbilder aus der Vergangenheit?

In der Tat, die gibt es: Die letzten zwei großen und einigenden Initiativen, die gesellschaftlich gewünscht, politisch massiv unterstützt und vom gesamten Sektor mit viel Engagement vorangetrieben wurden, waren das Rad Schiene
Forschungsprogramm aus den achtziger Jahren und die Bahnreform Mitte der neunziger Jahre. Mit Hilfe des Forschungsprogramms wurde hierzulande der Hochgeschwindigkeitsverkehr mit eigener Technologie entwickelt und zur Marktreife geführt. Die unter anderem daraus entstandenen ICE Züge sind technologisch erstklassig und ein Exportschlager. Im Rahmen der Bahnreform wurden mit der Entschuldung der alten Bahnen, der Übernahme der staatlichen Verantwortung für die Daseinsvorsorge und der Öffnung der Schienenmärkte für den Wettbewerb zudem starke Kräfte freigesetzt. Insbesondere die Entwicklung des Regionalverkehrs kann dabei als absolute Erfolgsgeschichte gewertet werden.

3. Warum ist ein solches Schlüsselprogramm für den Eisenbahnsektor gerade jetzt wieder nötig?

Der internationale Wettbewerb im Bahnsektor nimmt nicht nur zu, er rückt auch immer stärker an Europa und Deutschland heran. In Zeiten von „Industrie 4.0“ möchten wir des halb eine Diskussion im gesamten Schienenverkehrssektor anregen, um mit einem neuen einigenden Schlüsselprogramm unseren Sektor strategisch und vorausschauend auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten. Bahntechnik aus Deutschland muss wieder zum Taktgeber werden, ehe andere Industrienationen diese Rolle übernehmen. Die vom Bundeskabinett beschlossene „Digitale Agenda“ und die unterstützenden Aussagen des Bundesverkehrsministers können hierbei als Initialzündung dienen, allerdings ergänzt um die Dimension der „Automatisierung“.

4. Was stellen Sie sich genau vor?

Die Schlüsseltechnologien der Zukunft liegen in der „Digitalisierung und Automatisierung“. Sie eröffnen perspektivisch vielfältige Möglichkeiten, um den Schienenverkehr auf ein neues Niveau zu heben, eines moderneren und komfortableren, eines kundenfreundlicheren und zuverlässigeren, eines effizienteren und flexibleren Schienenverkehrs. Europa hat im Sommer dieses Jahres mit dem Bahnforschungsprogramm „Shift2Rail“ ein starkes Signal gesetzt. Der Rückenwind, der davon ausgeht, sollte uns Ansporn sein, um das größte Eisenbahnland Europas mit seinen vorhandenen Qualitäten und einer nationalen Offensive zur Digitalisierung und Automatisierung – kurz „Eisenbahn 4.0“ – weiter an der Weltspitze zu halten.

5. Für wie groß halten Sie die Chance, dass Ihre Idee umgesetzt wird?

Diese Idee versteht sich als ein Denkanstoß, um im gesamten Schienenverkehrssektor auszuloten, ob ein langfristig angelegtes und kräftebündelndes Schlüsselprogramm für Digitalisierung und Automatisierung im Eisenbahnsektor Chancen hat, diskutiert und umgesetzt zu werden. Politisch hoch rangig koordiniert, sind wir überzeugt, dass von einem solchen Programm wichtige Impulse für einen zusätzlichen Innovations und Qualitätsschub ausgehen können.

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Interviews
Artikel von Interview aus der ETR, Ausgabe 1+2/2015
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