Dr. Matthias Klingner

"Induktion wird den Verkehr in den Städten verändern"


Diese Meinung vertritt Dr. Matthias Klingner im Fünf-Fragen-Interview der ETR –Sommerausgabe 2011.


1. Es kommen zunehmend Straßenbahnen mit induktiven Stromübertragungssystemen auf den Markt. Was ist der Vorteil einer solchen Lösung? 

Im Stadtverkehr geht der Trend zunehmend zu oberleitungsfreien Systemen. Induktion bietet hier eine sehr elegante Lösung. Bombardier hat die Technik auf seinem Testring in Bautzen getestet. Sie funktioniert. Wir waren selbst erstaunt über den Wirkungsgrad der induktiven Übertragung, der im spurgeführten Verkehr bei rund 93 Prozent liegt.

 

2. Wo sind die Nachteile?

Ein großer Nachteil sind im Augenblick die hohen Investitionskosten, die weit über einer Mio. EUR liegen, die heute für die Elektrifizierung eines Kilometer Doppelgleises mit Oberleitung im Mittel veranschlagt werden. Denn die Leitungselektronik unter die Straße zu verlegen ist sehr aufwändig. Langfristige Kostenschätzungen gibt es noch nicht, weil sich noch kein System am Markt etabliert hat. Augenblicklich gibt es eine erste Pilotanwendung in Augsburg. Allerdings ist damit zu rechnen, dass die Kosten sinken werden, wenn die Technik nicht mehr nur in Pilotprojekten getestet wird, sondern in den Massenmarkt eintritt. Wie Erfahrungen mit anderen Systemen mit oberleitungsfreier Stromübertragung zeigen, muss auch die Zuverlässigkeit im Betrieb gewährleistet sein.

 

3. Wie sieht es mit der Belastung durch Strahlung aus?

Wir haben keine EVM-Messungen durchgeführt. Doch unsere Gespräche mit Experten haben ergeben, dass bei der induktiven Übertragung die Normen für elektromagnetische Fahrzeuge gut eingehalten werden, trotz der hohen übertragenen Leistungen von bis zu 150 kW. Die Fahrzeuge schirmen sehr gut ab. Es gibt keine schädliche Strahlung.

 

4. Fraunhofer hat mit der Autotram ein Verfahren entwickelt, bei dem sich spurgelenkte Busse an der Haltestelle schnell an Dockingstationen aufladen. Macht dies induktive Systeme überflüssig?

Nein. Der Wirkungsgrad ist zwar bei induktiven Systemen, auch wenn sie schienengeführt sind, etwas kleiner als die Stromübertragung über galvanische Kontakte und die Investitionskosten deutlich höher. Aber die Induktion kann auch für andere Verkehrsmittel eingesetzt werden, für Busse, für Taxis oder für einen CO2-freien Lieferverkehr. In diesem Fall relativieren sich vermeintliche technische und wirtschaftliche Nachteile schnell. Induktion ist eine Technik, die den Verkehr in den Städten verändern wird.

 

5. Was ist noch zu tun, damit Ihre Vision des induktionsgespeisten Verkehrs Wirklichkeit wird?

Der Wirkungsgrad der Technik hängt davon ab, wie klein der Luftspalt ist, den die Energieübertragung überwinden muss. Beim schienengeführten Verkehr ist es einfach, diesen Luftspalt kleinzuhalten, bei den anderen Verkehrsmitteln schwieriger. Hier besteht noch großer Forschungs- und Entwicklungsbedarf.

 

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Interviews
Artikel von Kurzinterview aus der ETR, Ausgabe 07+08/2011
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