Birgit Bohle

Interview
Denken vom Kunden her

Interview aus der ETR, Ausgabe 3/18

Birgit Bohle ist Vorstandsvorsitzende von DB Fernverkehr. Qualität und Wettbewerbsfähigkeit sind ihre großen Themen. Dabei geht sie pragmatisch und Fahrgast-fokussiert vor: Wenn die große Lösung noch Jahre dauert, sucht sie Wege, bis dahin auch mit kleinen Schritten Verbesserungen zu erreichen.

Was haben Sie als Chefin von DB Fernverkehr geändert?

Kurz vor meinem Start im Fernverkehr hat die DB 2015 die Fernverkehrsoffensive 2030 vorgestellt, die die Wachstumsperspektive des Unternehmens aufzeigt. An dieser Angebotsoffensive habe ich aus voller Überzeugung festgehalten. Bis 2030 wollen wir als Deutsche Bahn unser Angebot im Fernverkehr um 25 Prozent steigern, sowohl im Kern- als auch im Flächennetz.
Ebenfalls stand 2015 das Programm „Zukunft Bahn“ in den Startlöchern, was den Fokus auf die Verbesserung der Qualität legt. Mir war hier in den letzten beiden Jahren besonders wichtig, den Schwerpunkt auf die konkrete Umsetzung von Maßnahmen zu legen. Wir arbeiten an diesem Thema heute mit stärkerer Vehemenz und Nachhaltigkeit als jemals zuvor. Das gilt für das ganze Unternehmen. Denn Pünktlichkeit ist kein exklusives Thema von DB Fernverkehr– auch die Infrastruktur
und viele andere Konzernbereiche sind maßgeblich beteiligt. Auch das Thema Wettbewerbsfähigkeit
ist ein wichtiges Element von „Zukunft Bahn“. Wir waren, und sind immer noch, sehr stark beeinflusst durch relativ günstige Benzinpreise und die Konkurrenz der Fernbusse. Vor zweieinhalb Jahren passte
unser Preis-Leistungsverhältnis nicht immer zusammen. Wir haben in der Folge unser Preissystem systematisch weiterentwickelt, aber auch die Kostenseite verbessert. Auch unbequeme strategische Entscheidungen wie die Fokussierung auf den Tageslinienverkehr und den Rückzug aus dem klassischen Nachtzugverkehr mit Schlaf- und Liegewagen haben wir getroffen. Kulturell war es meinem Vorstandsteam und mir sehr wichtig, näher an die Belegschaft zu rücken. Unser Unternehmen wird sich nur verändern, wenn sich die Arbeit der Menschen vor Ort verändert. Wir wollen das Denken „vom Kunden her“ in der Mannschaft verankern und unsererseits besser Bescheid wissen, was beim Gast im Zug wirklich los ist. Deshalb tragen wir beispielsweise immer, wenn wir in den Zügen unterwegs sind, unser Namensschild mit der Ergänzung „Führungskraft der Deutschen Bahn“. Auch haben wir die sogenannten „Echt Nah“-Veranstaltungen eingeführt, bei denen sich einzelne Vorstandsmitglieder
mit der Belegschaft vor Ort treffen.

Auf wichtige Qualitätsfaktoren haben Sie als DB Fernverkehr erst einmal keinen Einfluss, die Baustellen beispielsweise. In den kommenden Jahren sollen wichtige Strecken wegen Bauarbeiten über Monate
gesperrt werden. Machen Sie in Sachen Baustellen Druck auf DB Netz?


Richtig ist, dass sich kein Bahnunternehmen über lange Streckensperrungen freut. Aber richtig ist auch, dass gebaut werden muss. Hierzu gibt es einen breiten Konsens in der Branche. Wie diese Baustellen in den nächsten Jahren am besten bewältigt werden können, ist auch Thema des Runden Tisch Baus, in
dem die Branche versammelt ist. Natürlich haben wir zu den konkreten Maßnahmen dann sehr intensive Diskussionen mit DB Netz. Aber Druck machen ist der falsche Begriff. Denn die Kollegen haben ja die schwierige Aufgabe sehr unterschiedliche Interessen der Eisenbahnen in Einklang zu bringen.

Die Vollsperrungen werden stattfinden?

Ja, es wird auch Vollsperrungen geben. Wenn man baut, muss die beste Art und Weise gefunden werden, wie gebaut wird. Die größte Herausforderung dabei ist, die Bautätigkeiten kapazitätsschonend umzusetzen. Wichtig ist, dass gemeinsam das beste Konzept entwickelt wird, in einem Dialog aller Beteiligten, ob Fernverkehr, Nahverkehr, Güterverkehr, ob Deutsche Bahn oder andere Unternehmen. Das beste Konzept kann auch einmal eine Vollsperrung bedeuten. Natürlich machen wir uns Gedanken, ob die Kunden nach einer solchen Vollsperrung wieder zu uns zurückkommen. Doch was sind die Alternativen? Sicherlich sind die Baustellen, besonders die großen Baustellen, eine unserer größten Herausforderung in den kommenden Jahren.

Können Sie bemessen und damit voraussagen, wie Kunden auf Fahrzeitverlängerungen wegen Baustellen reagieren?

Das können wir. Allgemeine Prognosen zur Geschäftsentwicklung sind sehr kompliziert, denn wir müssen dabei das ganze, komplexe Marktumfeld berücksichtigen. Kraftstoffpreise, Fernbuspreise, das allgemeine Wirtschaftsklima – alles beeinflusst die Preiselastizität der Nachfrage. Wir können jedoch sehr präzise vorhersagen, wie die Fahrgäste reagieren, wenn wir die Fahrzeit eines Zuges um 30 oder
60 Minuten verlängern.

Sie haben angekündigt, weiter die Preise flexibel an der Nachfrage ausgerichtet gestalten zu wollen.

Wir haben 2017 den differenzierten Flexpreis ein komplettes Jahr lang getestet. Bei diesem Preissystem ist der Fahrpreis an einzelnen Tagen günstiger, an anderen teurer. Letztendlich wollen wir mit diesem Element eine stärkere Steuerung der Fahrgastnachfrage erzielen, ohne....

Hier können Sie das vollständige Interview als pdf herunterladen.

(Das Gespräch führte Dagmar Rees.)