Oliver Kraft

Interview
Störungsfrei durch optimierte Instandhaltung

Interview aus der ETR, Ausgabe 5/18

Oliver Kraft kennt Infrastruktur. Als Sprecher der Geschäftsführung des Weichenherstellers voestalpine BWG, eine Tochtergesellschaft des voestalpine-Konzerns, entwickelt er neue Geschäftsmodelle, um mit Messrobotern und datenbasierter Instandhaltung als Service die Weichen-Verfügbarkeit im Netz zu erhöhen.

Eine Digitalisierung der Infrastruktur ist Voraussetzung dafür, dass überhaupt Daten gewonnen werden, die dann für Predictive Maintenance oder datengetriebene Geschäftsmodelle verwendet werden können. Angesichts der Tatsache, dass die Infrastruktur in Deutschland in weiten Teilen nicht digitalisiert ist und nicht alles auf einmal umgesetzt werden kann – was wären aus Ihrer Sicht die wichtigsten Schritte für die kommenden fünf Jahre? Und dann für die nächsten fünf Jahre?


Bei Infrastruktur muss man in größeren Zeiträumen denken. Es gibt beispielsweise heute in Deutschland noch relativ viele mechanische und Relais-Stellwerke, die schon seit 50 bis 100 Jahren im Einsatz sind. Bei der Digitalisierung kann man nur die richtigen Weichen stellen – doch dies wird sicher länger als fünf Jahre dauern.
Wenn wir uns das Thema Zugsicherung betrachten, ist es mit Sicherheit notwendig, vor allem auf den Hauptmagistralen die Stellwerke zu digitalisieren. Das ist das Non Plus Ultra, um wirklich einen Schritt nach vorne zu machen. Der weitere Schritt ist, die Infrastruktur mit ETCS auszurüsten, damit zukünftig auf Signale verzichtet werden kann. Auch die Schiene selbst bietet eine Reihe von Möglichkeiten zur Digitalisierung durch den Einsatz von Sensoren. Sensoren sind inzwischen extrem günstig. Bei der Schiene können auch Sensoren eingebaut werden, um beispielsweise einen Felsrutsch zu erkennen, bevor der Zug kommt, so dass noch rechtzeitig entsprechend eingegriffen werden kann. Auch wäre detektierbar, wenn sich z. B. Tiere im Gleis befinden, so dass entsprechende Warnsignale gegeben werden könnten. Mit solchen Maßnahmen kann nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Verfügbarkeit der Infrastruktur erhöht werden. Die Effekte, die erzielt werden können, um mehr und stabileren Verkehr auf die Schiene zu bringen, sind enorm.

Im Zuge der Diskussion um Luftreinhaltung und Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in den Städten hört man immer wieder die eigentlich ja erfreuliche Aussage, dass eben mehr Verkehr mit öffentlichen
Verkehrsmitteln erfolgen sollte. Als durchaus berechtigte Antwort kommt von Seiten des öffentlichen Verkehrs dann oft die Aussage, dass die Kapazitäten nicht ausreichen würden. Von daher hat die Frage der Kapazitätssteigerung eine gesellschaftliche Dringlichkeit. Läge nicht genau hier das Potential der Digitalisierung, dass die vorhandene Infrastruktur schnell besser genutzt werden kann?


Es ist schwer, die Begriffe „schnell“ und „Infrastruktur“ zusammenzubringen. Denn wir reden in diesen Fällen immer von sehr hohen Volumina: Es geht nicht um die Digitalisierung von zwei Weichen, sondern um die Digitalisierung von mehr als 66 000 Weichen, um eine Gleislänge von mehr als 60 000 km und gut 3000 Stellwerke. Die große Masse an Assets macht es schwierig, etwas schnell in die Umsetzung zu bekommen.
Doch gibt es noch andere Hindernisse. Gerade in den Ballungsräumen, in denen die Züge schon sehr gut ausgelastet sind, die Strecken zum Teil schon mit Doppelstockwagen befahren werden, zeigt es sich, wie schwierig es für Schienenprojekte ist, in die Umsetzung zu gelangen. Ein Planfeststellungs-verfahren kann zehn oder mehr Jahre dauern. Auf ein Dieselverbot in den Städten ist keiner vorbereitet. Das muss organisiert werden. Von daher ist es sicher richtig, das Thema Digitalisierung voranzutreiben. Genauso muss aber auch der Ausbau der Infrastruktur in den Ballungsräumen vorangetrieben werden.

In der aktuellen Diskussion wurde oft gesagt, dass die Schweiz viermal so viel Weichen hat wie Deutschland. Braucht Deutschland mehr Weichen?

Der reine Zahlenvergleich sagt erst einmal gar nichts aus. Es ist wichtig, die gesamte Topologie zu betrachten, denn die Topologie in der Schweiz ist ganz anders als in Deutschland.
In Deutschland haben wir unter anderem Hochgeschwindigkeitstrassen, die sich in dieser Form in der Schweiz nicht finden. Und auf Hochgeschwindigkeitsstrecken möchte man nicht unbedingt alle 500 m
eine Weiche sehen. Auch das Beispiel, dass die Schweiz mehr Geld in die Infrastruktur investiert als Deutschland,...

Hier können Sie das vollständige Interview als pdf herunterladen.

(Das Gespräch führte Dagmar Rees.)