Digital und flexibel – Der Schienengütersektor muss zusammenhalten

DB Cargo Karte
Foto: DB Cargo

Ein flammender Appell der DB Cargo-Chefin Dr. Sigrid Nikutta an alle Entscheidungsträger, den Wert des Schienengüterverkehrs zu erkennen und zu fördern, gehörte zu den Highlights des 14. BME/VDV-Forums Schienengüterverkehr am 19./20. Januar 2021.

Von Hermann Schmidtendorf, Chefredakteur bahn manager

Corona-bedingt fand die traditionsreiche Veranstaltung, deren Medienpartner bahn manager war, diesmal ausschließlich virtuell statt. Entsprechend lautete das Oberthema auch „Schienengüterverkehr digital. Verkehrsverlagerung aktuell – von der Idee zur Umsetzung“. Der Moderator der Veranstaltung Prof. Dr.-Ing. Uwe Clausen (TU Dortmund) betonte: „Ganz besonders freuen wir uns, dass neben dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und dem DSLV Bundesverband Spedition und Logistik auch der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) e.V. uns bei der Gestaltung des Forums unterstützt hat.“

Die Schiene solle in Zukunft deutlich mehr Güter transportieren und muss dafür zwingend auch neue Märkte erschließen. So müssten zum Beispiel wettbewerbsfähige Lösungen für die Konsumgüterindustrie und die Handelslogistik realisiert werden. Ein positives Beispiel gab, wer hätte das gedacht, der Getränke-Weltkonzern Coca-Cola! Dabei stellte sich heraus: Das niedersächsische Lüneburg ist offenbar ein „Zentrum der Eisenbahn-Bewegung“. Hier befindet sich die Zentrale des Hanse Medien-Verlags mit seinen Bahn-Fachpublikationen, hier ist aber auch der zentrale Brunnenstandort in Deutschland für alle Limo- und Wassergetränke der Cola-Marke ViO.

COKE AUF DIE SCHIENE

Der Logistikleiter/Supply Chain bei Coca Cola European Partners (CCEP) Holger Holthus gab ehrlich zu, dass in seinem Arbeitsbereich zunächst Zweifel am Bahntransport herrschten. Wer kennt sie nicht, die Bedenken: unpünktlich, unflexibel, zu teuer… Doch dann wurde beschlossen: Wenn Preis- und Leistungsniveau zumindest gleich sind wie beim Straßentransport, nutzen wir von Lüneburg aus die Bahn. 2016 verließen den Lüneburger Standort täglich durchschnittlich 71 Lkw.

Doch der vorhandene Gleisanschluss wurde ausgebaut, Schiebewandwagen mit überdecktem Firstträger brachten 2018 bereits im Schnitt zwölf Transporte je Woche von Lüneburg nach Urbach in Baden-Württemberg und vier Transporte nach Fürstenfeldbruck in Bayern – per Bahn. Dann wurde mit DB Schenker und DB Cargo ein Aufliegersystem erarbeitet, das eine Komplett-Verladung per Wechselbrücke und somit einen Intermodalverkehr ermöglichte.

Ab März 2019 fuhren ab Lüneburg ViO-Ganzzüge mit zunächst 32 Waggons. 2020 gab es über 2000 Bahntransporte unter Anschluss weiterer Produktionsstandorte des Coke-Konzerns. Bei fünf Rundläufen pro Woche wurden zwei Drittel der sonst durch Lkw-Transport entstehenden Co2-Emissionen eingespart. 2021 soll das Bahnsystem weiter ausgebaut werden – um 63 Prozent gegenüber 2019. Und: Bis 2040 wollen CCEP die Klimaneutralität erreichen!

Damit mehr solcher Erfolgsstories gelingen können, stellte der Vorsitzende des BGA-VerkehrsausschussesCarsten Taucke eine Wunschliste auf. Generell sollten Gleisanschlüsse verstärkt gefördert werden. Dabei sollten Bahntöchter auch selbst Anschlüsse legen dürfen. Anzusteuern sei die generelle Nutzung bimodaler Transporte als Kombinationslösung von Lkw und Bahn.

MEHR INDUSTRIE-BAHNANSCHLÜSSE

Das Leistungsangebot der Bahnen müsse ausgebaut werden, mehr Güterverkehrszentren und Industriegebiete sollten Bahnanschluss bekommen. Eine flexible Verkehrslenkung müsse dafür sorgen, dass auch bei allgemeinem Vorrang für den Personenverkehr der Güterverkehr nicht ausgebremst werde. Taucke sprach sich dafür aus, „Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte“ im Schienenbereich aufzuholen und den Bahngüterverkehr „beherzt … zu einer echten Alternative im Verkehrssektor“ auszubauen. Einfach nur die Nutzung anderer Verkehrsträger zu erschweren, sei keine Lösung.

Der Moderator der Veranstaltung Prof. Dr.-Ing. Uwe Clausen ist mit voller Funktionsbezeichnung Institutsleiter am Fraunhofer IML & Institutsleiter am Institut für Transportlogistik ITL der TU Dortmund. In seinem Vortrag machte er deutlich, dass der deutsche Onlinehandel 2018 auf ein Volumen von 53,4 Milliarden Euro wuchs, dieser Trend verstärkte sich noch durch die Corona-Pandemie. Das damit wachsende Volumen an Warengüterverkehren müsse durch die Schiene, insbesondere durch den Kombinierten Verkehr KV, aufgegriffen werden. Die Chancen stünden günstig, da sowohl Konsument*innen umweltsensibler würden als auch Unternehmen mit entsprechenden Aktivitäten punkten wollten.

Derzeit seien aber Konsumgüter nur teilweise in den KV-affinen Gütergruppen enthalten. Die Faustregel laute: Ab etwa 300 Kilometern Fahrtstrecke ist der SGV günstiger als der Straßentransport. Dabei sollten Umladeterminale so nah wie möglich am Schienentransportweg liegen, am besten im Bereich bis 30 Kilometern Distanz. Hilfreich sei die durch DB Cargo und VTG betriebene Entwicklung eines multifunktionalen und modularen Tragwagens. Mit IoT-Devices und neuen Technologien wie Blockchain sollten Transportketten perfektioniert werden.

DAK NOCH MIT PROBLEMEN

Eine konkrete Chance, den Schienengüterverkehr (SGV) in ganz Europa zu modernisieren, ist die Einführung der Digitalen Automatischen Kupplung DAK. Über den Stand des BMVI-Forschungsprojekts DAK-Demonstrator berichtete der Referatsleiter im deutschen Verkehrsministerium Dr. Jens Klocksin. Um festzustellen, welcher der von vier Herstellern entwickelten unterschiedlichen Typen sich am besten für die europaweite Einführung eignet, werden in der Phase 1 derzeit Praxistests mit dem vier Kupplungstypen an je drei Wagen durchgeführt. Die eingesetzten Zags-Kesselwagen, Hbbins-Schiebewandwagen und Eanos-Drehgestell-Güterwagen sollen die Vielfalt europäischer Güterwagen abbilden. Das Testkonzept folgt den Erarbeitungen des Technischen Innovationskreises Schienengüterverkehr TIS. Im Frühjahr 2021 sollen Kälteuntersuchungen in der Klimakammer Minden folgen.

Das automatische Kuppeln scheint bei allen vier Prototypen gut zu klappen. Unerwartete Probleme tauchen jedoch bislang noch bei der zweiten erwünschten Funktion der DAK auf, der Übermittlung großer Mengen von Daten und vielleicht auch Energie zur Automatisierung der Prozesse im SGV. Dr. Klocksin: „Die technischen Herausforderungen sind nach wie vor hoch. Wäre es anders, würde ich das hier in euphorischer Weise darstellen.“ Als gemäßigter Optimist hoffe er jedoch, so der Referatsleiter, dass sich die bislang festgestellten Mängel beheben ließen. Dann sei auch eine eventuelle Verzögerung des jetzigen Zeitplans verschmerzbar. Nach derzeitiger Planung soll bereits zwischen Mai 2021 und Dezember 2022 die Betriebserprobung der ausgewählten DAK zur Zulassung stattfinden, wozu 24 umgerüstete Wagen auf Europafahrt geschickt würden.

Wie soll danach die Einführung aussehen? Nach Dr. Klocksin müsse man „eine kritische Masse in relativer Geschwindigkeit umgerüstet bekommen, die im internationalen Verkehr unterwegs sind. Wenn wir Ganzzüge haben, die von A nach B fahren, die sollte man nicht nötigen. Aber die, die ihre Flotten auch für den Einzelwagenverkehr tauglich halten wollen, werden umrüsten müssen. Dieses muss man unterstützen, aber auch mit einem Zeitfenster versehen.“ Und wie schätzt der Ministeriumsexperte generell die Perspektive des SGV ein? Hier überwiegt der Optimismus: „Chancen hat der Sektor in dieser Phase der gesellschaftlichen Entwicklung in ungeahnten Größenordnungen.“

EINZELWAGEN SIND RÜCKGRAD DER SCHIENE

Bei so viel Wohlwollen stieß auch das Referat von Dr. Sigrid Nikutta, Vorstand Güterverkehr Deutsche Bahn AG und Vorstandsvorsitzende DB Cargo AG, über die „Umsetzung erfolgsversprechender Wachstumskonzepte für den Schienengüterverkehr“ auf offene Ohren. „DB Cargo ist in dieser Branche der Größte, deshalb haben wir eine besondere Verantwortung, auch politisch, für den Schienengüterverkehr zu trommeln“, betonte Dr. Nikutta. Das politische und gesellschaftliche Bewusstsein unterstütze derzeit nicht zuletzt wegen des Klimaschutzes die Verkehrsverlagerung von der Straße auf die Schiene, es ergebe sich „ein historisches Zeitfenster“ für den SGV. 60 Prozent des wöchentlich 20.000 Züge umfassenden Verkehrs bei DB Cargo geschehe derzeit grenzüberschreitend. Dadurch würden 22 Millionen Lkw-Fahrten pro Jahr ersetzt. Immer mehr große Unternehmen setzen auf die Schiene, diese müsse deshalb liefern.

Der Kombinierte Verkehr und umfassende Digitalisierung seien entscheidend auszubauen. Doch gerade auch der mühselige Einzelwagenverkehr (EV) müsse hochgefahren werden, er sei für viele Branchen „extrem wichtig“ und bilde immerhin derzeit 18 Prozent aller SGV ab. So würden etwa 50 Prozent der Stahltransporte in Deutschland über den EV abgewickelt. Dr. Nikutta: „Es ist eben keine Nische, sondern existentiell für den SGV “ – allerdings auf Grund der Komplexität nicht kostendeckend. Deshalb sei es sehr erfreulich, dass die Bundeshaushaltspolitiker zur Förderung dieser wichtigen Transporte entsprechende Zeichen setzten und sich die Bundesregierung zum System der Einzelwagen bekennt.

Bahn Manager
Artikel Redaktion bahn manager
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