Frankreich: Vorerst kein Streik bei SNCF

„Streik bei der SNCF – Verkehr ist heftig gestört“ – Aufnahme einer französischen Bahnhofsinformation von 2018; Quelle H. Schmidtendorf

Nicht nur die Deutsche Bahn bangt um den Hausfrieden. Auch bei Frankreichs Staatsbahn SNCF stand ein Streik ins Haus, doch der wurde vorerst abgewendet.

Bereits im Juni dieses Jahres gab es, wie es französische Beobachter dezent ausdrücken, „begrenzte Turbulenzen“ bei der Staatsbahn. Mehrere Bahngewerkschaften hatten zu verschiedenen Terminen zu Streikaktionen aufgerufen. Die Bahngewerkschaft CGT-Cheminots forderte dabei eine generelle Erhöhung der Gehälter, Einstellungen und – hört, hört! - "echte Verhandlungen um einen hohen sozialen Status". Der „hohe Sozialstatus“ der Bahner*innen zeigte sich früher in ökonomisch ruinösen Frühstverrentungen, freigiebigen Familien-Freifahrten und anderen Wohltaten. Kein Wunder, dass die Regierung von Präsident Macron auf diesem Ohr taub ist. Doch auch der Anklang unter den Bahnwerkenden hielt sich in Grenzen.  

Eine andere Forderung der Gewerkschaft CGT-Cheminots ist politischer Natur, sie fordert die … Entpolitisierung der Staatsbahn. Auf einer Pressekonferenz am 9. Juni kritisierte CGT-Gewerkschaftschef Laurent Brun die „Omnipräsenz“ der öffentlichen Hand in der SNCF: „Im Rahmen der Bahnreform 2018 war eines der Versprechen die Autonomie des Unternehmens. Die Aktionen des Unternehmens wurden jedoch noch nie so stark von den Behörden kontrolliert. Wir stehen unter der ständigen Aufsicht des Verkehrsministeriums.“

In Deutschland freut man sich eher über die häufigen Auftritte des Verkehrsministers Andi Scheuer auf Bahnveranstaltungen, wird doch dadurch die Bedeutung des Schienenverkehrs ins Rampenlicht gesetzt. Bei deutschen Vorgängerregierungen war eher fehlendes Interesse an der Bahn zu beklagen, was sich schmerzlich in ungenügenden Finanzzuwendungen manifestierte.

Doch Frankreichs Generalsekretär der größten Bahngewerkschaft wünscht sich mehr Autonomie für die Bahn. Das ist durchaus putzig - schließlich hat Brun französischen Presseberichten zufolge in seinem Büro eine Lenin-Büste stehen. Das Portal france3-regions zitierte das Mitglied der französischen kommunistischen Partei Brun mit den Worten, die Schriften Lenins seien „immer noch relevant, aufschlussreich und interessant, Fragen zu stellen". Die Tageszeitung Le Figaro zitierte einen Mitgewerkschafter Bruns mit den Worten, der Gewerkschaftschef sei „ein Harter unter den Harten - er steht auf einer viel stalinistischeren Linie als sein Vorgänger Gilbert Garrel.“

So schätzte sich die Geschäftsführung der SNCF glücklich, am 2. Juli die für das folgende Wochenende angedrohten Streikaktionen in den Ouigo genannten Billig-TGV-Zügen abgewendet zu haben. Dazu sei die SNCF-Leitung nach eigener Einschätzung quasi aus dem Stand "erhebliche Verpflichtungen" gegenüber den Gewerkschaften eingegangen. Nach Angaben der Gewerkschaften hat sich die Geschäftsführung bereit erklärt, noch jetzt im Juli einen Bonus von 370 Euro an das Zugpersonal und die sogenannten sesshaften Agenten von Ouigo zu zahlen und rückwirkend zum 1. Juni 2021 eine monatliche Zulage an das Zugpersonal zwischen 50 und 80 Euro auszuzahlen. Man darf spekulieren, wie lange dieser Burgfrieden anhält. (red./hfs)

Bahn Manager
Artikel Redaktion bahn manager
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