Ing. Dr.hc. Josef Theurer und Johannes Max-Theurer

"Sechs Jahrzehnte Innovationen auf dem Weg in die Zukunft"


Anläßlich der Nominierung von Dr. Josef Theurer für den Europäischen Erfinderpreis sprach die ETR mit dem Nominierten und seinem Enkel Johannes Max-Theurer, seit 2011 in der Geschäftsführung, über Patente, Produkte und persönliche Perspektiven.

 

Herr Dr. Theurer, im Juni wurden Sie als erster Österreicher für den „Europäischen Erfinderpreis“ nominiert, letztendlich setzte sich ein Mediziner durch. Was bedeutet Ihnen diese Nominierung?

Ich habe das als große Ehre empfunden und muss mich dafür noch einmal bedanken. Mit soetwas habe ich wirklich nicht gerechnet (lacht). Aber es freut mich natürlich sehr, dass ich nominiert wurde.

 

Wie sind Sie, Dr. Theurer, überhaupt zur Gleisbau-Technik gekommen?

Ich habe damals, Mitte 1952, Franz Plasser in Linz kennengelernt und in Zusammenarbeit haben wir die erste Stopfmaschine gebaut, die war Ende 1953 fertig gestellt. Anschließend haben wir das Patent angemeldet. Wir hatten damals keinerlei Werkstätten, nur eine Hand voll Mitarbeiter. Diese erste Maschine ging übrigens bereits 1954 erfolgreich in den Einsatz.

 

Was genau haben Sie und Franz Plasser damals als erste Erfindung zum Patent angemeldet?

Damals, Anfang der fünfziger Jahre, gab es nur Stopfmaschinen, die eine mechanische Beistellung der vibrierenden Pickel hatten. Der Nachteil war, dass sie mit der Hand betätigt werden mussten, was aber eine nicht gleichmäßige Verdichtung des Schotters zur Folge hatte. Ich bin dann auf die Idee gekommen, die Hydraulik einzuführen.

 

Was hatte das zur Folge?

Nun, ganz einfach (schmunzelt). Mittels der Hydraulik kann sich der Druck gleichmäßig in der Flüssigkeit fortpflanzen und das überträgt sich dann praktisch auch auf das Schotterbett. Denn durch den gleichmäßigen Druck auf die vibrierenden Pickel wurde zum Beispiel erreicht, dass unterm linken Schienenstrang die Verdichtung gleich war wie unterm rechten Schienenstrang. Das wäre sonst nur sehr schwer möglich gewesen.

 

Welche aus Ihrer Sicht wesentlichen Erfindungen folgten auf diese erste?

Eine weitere Erfindung war die Nivellierstopfmaschine. Bis dahin erfolgte das Heben des Gleises immer noch von Hand. Mit Handwinden. Das war sehr schwere Arbeit. Bis zu 20 Leute haben vor der Maschine das Gleis gehoben und optisch nivelliert. Mit unserer Erfindung wurde das Gleis von der Maschine selber gehoben. Die Nivelliereinrichtung, eine Seilnivellierung, war anfangs noch auf einem Vorwagen installiert. Später wurde, wie heute noch aktuell, der Laserstrahl eingeführt, der eine Genauigkeit beim Längsnivellement bis auf 300 Meter erreicht. Und das ist gerade für Hochgeschwindigkeitszüge ganz ausschlaggebend.

 

Was kam dann?

Naja (denkt kurz nach). Die erste Maschine, die wir entwickelten, war noch eine Einschwellen-Stopfmaschine mit vielleicht 150 Meter in der Stunde, was sich noch bis 500 Meter steigern ließ. Im Jahr 1965 gab es dann eine weitere Erfindung, die Duomatic.Sie war eine Zweischwellen-Stopfmaschine, wo sich die Geschwindigkeit schon auf 800 bis 900 Meter ausdehnen ließ. Später erfolgte die Ausdehnung auf drei Schwellen. Und 2007 haben wir schließlich eine Maschine entwickelt, die vier Schwellen auf einmal stopft.

 

Welche weiteren Maschinen folgten?

Neben den Stopfmaschinen entwickelten wir auch Reinigungsmaschinen für die Reinigung des Schotters. Später kamen Umbau-züge nach dem Fließbandverfahren hinzu. Diese Maschinen sind 300 bis 400 Tonnen schwer und 200 bis 300 Meter lang. Sie eignen sich ganz hervorragend für den Umbau, zum Beispiel zum Austausch von Altschwellen gegen Neuschwellen. Eine weitere, wichtige Erfindung, wenn ich das noch erwähnen darf, war auch die Unterbausanierung mit der daran anschließenden Weiterentwicklung zum Schotterrecycling in der Maschine. Damit konnte direkt am Baugleis der Schotter recycelt und der verfügbare wieder eingefüllt sowie der Abraum am gleichen Gleis abtransportiert werden.

 

Wie viele Patente wurden bis heute weltweit seitens Plasser & Theurer angemeldet?

Ungefähr 10?000. Davon sind noch an die 2000 Patente wirksam.

 

Im nächsten Jahr begeht Ihr Unternehmen das 60jährige Firmenjubiläum. Was waren in diesen Jahren die größten Herausforderungen für Sie?

Patente – und ihre Durchsetzung gegen unberechtigte Ansprüche. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir hatten damals die schon erwähnte Nivellierstopfmaschine, die das Gleis selbsttätig gehoben und nivelliert hat, erfunden und patentieren lassen. Diese Maschinen hat man uns dann in Amerika praktisch nachgebaut. Wir haben uns aber getraut, gegen diese Firma zu klagen. Das war schon eine große Herausforderung für mich als Erfinder in Amerika, in South Carolina, vor dem Gericht als Zeuge auszusagen. Wirklich, eine große Herausforderung. Die Freude war, wir haben diesen Prozess gewonnen (lehnt sich zurück und lacht).

 

Herr Dr. Theurer, wie man weiß, spielen in Ihrem Unternehmen die Mitarbeiter eine ganz besondere Rolle. Mit welcher Philosophie haben Sie das Unternehmen geführt?

Naja, die Philosophie ist, dass wir immer bei dem geblieben sind, was wir exzellent können: Bahnbaumaschinen. Keine Betonmischer, keine Kräne. Mit dem Aufbau der eigenen Fertigung haben wir auch die dementsprechenden Fachleute gefunden und angestellt. Die österreichischen Facharbeiter waren immer schon sehr, sehr gut. Darum steht auf unseren Schildern an den Maschinen auch stolz „Made in Austria“. Und das betrifft natürlich auch die Zuverlässigkeit. Wenn Sie also von Philosophie reden, dann ist es genau das. Und das wollen wir auch fortsetzen.

 

Seit 2011 ist Ihr Enkel Johannes mit in der Geschäftsführung. Was hat Sie bewogen, auf eine Familienlösung für die Zukunft zu setzen?

Meine beiden Enkelkinder sind im Unternehmen. Victoria ist in Teilzeit tätig und Johannes ist bereits in der Geschäftsführung. Er hat schon viel Erfahrung, auch weil er schon einige Jahre im Unternehmen zugebracht und Kundenbeziehungen, auch im Ausland, aufbauen konnte. Das ist ganz entscheidend für unser Geschäft. Darüber bin ich sehr froh. Ich habe oft noch Besprechungen mit ihm. Er macht mir eine große Freude.

 

Herr Max-Theurer, was hat Sie eigentlich veranlasst, in die Fußstapfen Ihres Großvaters zu treten und sich mit dem Thema Gleisbau zu beschäftigen?

Ich habe mich schon als Junge für das Unternehmen interessiert. Und es war immer mein Wunsch, dort einmal zu arbeiten. In den Schulferien habe ich öfter Praktika gemacht. Die Werkstatt in Linz hat mich besonders angezogen. Ich wollte immer genau wissen, wie was funktioniert. Mein Großvater war und ist für mich als Unternehmer wie auch als privater Mensch ein sehr großes Vorbild. Ich bin stolz darauf, nun die Möglichkeit zu haben, meinen Beitrag für das hoffentlich erfolgreiche Weiterbestehen von Plasser & Theurer leisten zu können.

 

Wie sah Ihr Ausbildungsweg aus?

Ich habe zuerst eine Handelsakademie besucht und anschließend eine kaufmännische Ausbildung erhalten. Bereits mit dem Ziel, im Unternehmen mitzuarbeiten. Wie gesagt, habe ich auch mehrere Ferialpraktika im Unternehmen absolviert, um einen Einblick in die Grundzüge des Maschinenbaus zu bekommen.

Schließlich arbeitete ich für knapp drei Jahre in Deutschland, um erste Berufserfahrungen zu sammeln. Mein Großvater holte mich dann im Jahr 2010 nach Linz. Seit 2011 bin ich in der Geschäftsführung.

 

Arbeiten Sie von Linz aus, oder sind Sie eher in Wien zuhause?

Ich bin in Linz ansässig und wohne auch im Großraum Linz. Bin also häufig dort in meinem Büro, wenn ich nicht gerade auf Reisen bin. Aber sehr oft bin ich auch in Wien, weil hier die Zentrale und der Verkauf sind.

 

Patente sind für das Unternehmen, wie Ihr Großvater schon sagte, sehr wichtig. Welche Bedeutung haben Patente für Sie heute, in einer globalisierten Welt?

Richtig. Patente sind für uns seit jeher von besonderer Bedeutung. Wir entwickeln und forschen in Österreich, um hochspezialisierte und technisch hochwertige Bahnbaumaschinen zu produzieren und in die ganze Welt exportieren zu können. Es ist deshalb für uns unabdingbar, unser Know-how und und unsere Entwicklungen auch zu schützen. Eben über Patente. Das ist auch der Grund dafür, dass wir seit Jahrzehnten eine eigene Patentabteilung haben.

 

Wie gehen Sie mit dem Problem der Produktpiraterie um?

Wenn unsere Patente, unser Know-how rechtswidrig verletzt werden, dann wehren wir uns juristisch. Ganz klar. Aber unsere Maschinen sind nicht nur aufgrund der Patente so erfolgreich, sondern weil wir qualitativ hochwertige Maschinen mit einer langen Lebensdauer herstellen, weil wir auch rundherum kompetenten und vielfältigen Service anbieten. Das können die Mitbewerber zum Teil nicht, schon gar nicht mögliche Nachahmer.

 

Was unterscheidet Ihren Service denn von anderen?

Natürlich haben Wettbewerber auch Serviceorganisationen. Unsere Stärke ist aber, weltweit ein Servicenetz anbieten zu können für die gesamte Ersatzteilversorgung und für Vorort-Monteur-Einsätze.

 

Der Sektor Dienstleistungen spielt also, neben Bau und Export von Maschinen, eine stetig wachsende Rolle?

Ja, absolut. Services gehören seit geraumer Zeit zu unserem großen Leistungsspektrum. Daneben bieten wir auch spezielle Beratungen zum Thema Gleis an und führen Schulungen und Trainingsprogramme durch.

 

Wie hoch ist der Umsatzanteil im Dienstleistungssektor, wie hoch der Anteil beim Neumaschinengeschäft?

Genau kann ich Ihnen das nicht sagen. Aber er ist mittlerweile ein sehr wichtiger Umsatzanteil.

 

Welches waren die wichtigsten technologischen Entwicklungen in den letzten zehn Jahren?

Besondere Meilensteine gab es im Bereich der Materialbewirtschaftung, insbesondere die Unterbausanierung oder auch die Bettungsreinigung mit Recycling. Und dann das Ballast Distribution System, kurz BDS. Das ist eine Maschine zur Schotterbewirtschaftung, die überschüssigen Schotter aufnehmen und an Stellen, wo Schottermangel herrscht, wieder einbringen kann. Sehr erfolgreich im Einsatz bei den ÖBB. Man spart da bei der Durcharbeitung bis zu 60?% des Neuschotterbedarfs ein.

 

Gibt es weitere?

Natürlich. Kürzlich entwickelten wir eine eigene Abbrennstumpf-Schweißmaschine, die die Arbeitsgeschwindigkeit deutlich erhöhen konnte. Oder wir kombinieren zwei Technologien, mit dem Ergebnis, dass Sperrpausen kürzer werden. Oder vor einigen Jahren die Entwicklung des Dynamic Stopfexpress
09-4X, eine Vier-Schwellen-Stopfmaschine die es schafft, bei einer Spitzenleistung von bis zu 2600 Metern pro Stunde das Gleis zu -heben, zu stopfen, zu richten und zu
stabilisieren. Soll ich weiter machen? (schmunzelt)

 

Gibt es weitere Erfolgsfaktoren neben den Maschinen und dem Service?

Da sind unsere Mitarbeiter: Wir haben hochqualifizierte, sehr gut ausgebildete Mitarbeiter, die sich für das Unternehmen engagieren. Dieser Faktor wird auch in Zukunft für uns eine sehr große Rolle spielen, um erfolgreich bleiben zu können.

 

Wo sehen Sie für Ihre Produkte die Zukunftsmärkte?

Na ja, wir haben in den letzten Jahren große Zuwächse in Südamerika gesehen, und natürlich auch in Nordamerika. Dort vor allem wegen des steigenden Schwerlastverkehrs, der die Gleise besonders beansprucht. Das gilt übrigens auch für Australien.

 

Was ist mit Asien?

Natürlich auch Fernost. Japan mit dem Shinkansen, oder China mit den wachsenden Hochgeschwindigkeitsstrecken. Auch im Nahen Osten, zum Beispiel Saudi Arabien, wird viel ausgebaut.

 

Wie steht es mit Europa?

In Europa sind in den letzten Jahren leider die Investitionen in die Infrastruktur etwas zurückgegangen. Das schlug sich auch bei uns in den Auftragsbüchern nieder.

 

Sie sind von Beginn an als Aussteller auf der Innotrans. Mit welchen Zielen treten Sie dieses Jahr an?

Wir sehen bei der Innotrans für uns gute Möglichkeiten, mit unseren internationalen Kunden in Kontakt zu treten. Und in gewissem Sinne auch eine hervorragende Vorbereitung für die größte Messe in unserem Gleisbaubereich, für die „iaf“ (Internationale Ausstellung für Fahrwegtechnik, Anm. d. Red.) im Mai 2013 in Münster.

 

Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an dieser „iaf“, der weltgrößten Messe für Maschinen und Geräte für den Fahrweg?

Bei der „iaf“ haben wir die Möglichkeit, unsere Maschinen zu präsentieren und auch vorzuführen. Seit Jahrzehnten kommt eine sehr große Anzahl an Fachpublikum aus aller Welt zu dieser Messe. Wir sind dem VDEI (Verband Deutscher Eisenbahningenieure, Anm. d. Red.) dankbar dafür, dass er diese Messe seit 1958 organisiert und zu dieser Bedeutung gebracht hat.

 

Was macht denn den Menschen Johannes Max-Theurer aus, wie sehen Sie sich?

(Lacht herzhaft) Das müssen Sie schon andere fragen. Ich sehe mich selbst selten. Aber ernsthaft. Ich glaube, dass ich begeisterungsfähig bin und auch die notwendige Belastbarkeit mitbringe für die Aufgaben, die ich künftig zu meistern habe. Und eines ist mir im geschäftlichen Bereich ganz besonders wichtig, dass ich unheimlich viel Freude dabei habe, weil es sehr schöne und anspruchsvolle Aufgaben sind.

 

Wenn Sie nicht für das Unternehmen im Einsatz sind, was kann Sie dann begeistern?

Ich bin ein leidenschaftlicher Fischer. Fliegen-Fischer. Und natürlich Ski fahren, ganz klar. Als Österreicher ist man den Bergen sehr zugetan, im Winter wie im Sommer.

 

Kehren wir zum Schluss zurück zu Ihrem Großvater. Häufig treten bei Nachfolgen in Familienunternehmen Generationenprobleme auf. Gibt es die auch bei Ihnen?

Bei uns ist der Altersunterschied doch sehr hoch. Ich repräsentiere ja die übernächste Generation. Da liegen die Dinge oftmals anders. Mein Großvater, ich erwähnte es schon, ist für mich als Unternehmer und als Privatperson eine große Persönlichkeit, die mich sehr fordert, aber auch immer wieder mit guten Ratschlägen unterstützend für mich da ist. Er versucht, mir seine ganze Erfahrung und seine Kenntnisse mitzugeben. Das sehr enge und gute Verhältnis zu ihm ist einer der Gründe, warum wir uns auch im Unternehmen gut verstehen und miteinander arbeiten können.

 

Was kann der Firmengründer und -Lenker Dr. Josef Theurer von seinem künftigen Nachfolger erwarten?

Ich habe vor, das Unternehmen in seinem Sinne weiterzuführen. Natürlich werden wir uns aber auch weiterentwickeln müssen, wollen wir unsere Position auf den Weltmärkten behaupten oder sogar noch ausbauen.

 

Herr Dr. Theurer, die letzte Frage an Sie. Welchen Rat, welche Empfehlungen geben Sie Ihrem Enkel, geben Sie jungen Ingenieuren mit auf den Weg, um einen ebensolchen erfolgreichen Weg zu gehen, wie Sie ihn beschritten haben?

Erstens, dass er sein geistiges Eigentum schützen soll. Dass man seine Erfindung unbedingt zum Patent anmelden sollte. Und zweitens, dass er das auch verwirklicht, was er erfunden, ersonnen oder erdacht hat. Damit kann man erfolgreich ein Unternehmen aufbauen, gestalten und weiterentwickeln.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Hier können Sie sich das ganze Interview als pdf herunterladen.

Interviews
Artikel von Interview aus der ETR, Ausgabe 09/12
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