Rainer Don

Wasserstoff ist kein Exot

Schon 2018 sollen die ersten Probezüge mit Wasserstoff-Brennstoff­Technologie in Deutschland fahren. Rainer Don, Produkt- und Projektdirektor Coradia Lint, sieht den Einsatz der Technologie in Regionalzügen als Beitrag zur Energiewende.

1. Sie haben einen Wasserstoff-Brennstoffzellen-Antrieb für Regionalzüge entwickelt. Warum?
Die Bahn gilt im Vergleich zum Straßenverkehr als relativ umweltfreundlich. Allerdings können heute auf nicht elektrifizierten Strecken nur Züge mit Dieselantrieb eingesetzt werden. In Deutschland sind über 40 % der Bahnstrecken nicht elektrifiziert und in ähnlichem Umfang trifft das auch auf viele andere Länder zu. Demgegenüber steht die Anforderung, die CO2-Emissionen des Verkehrssektors bis zum Jahr 2050 um mehr als 60 % gegenüber dem Stand von 1990 zu senken. Alstom untersucht deshalb schon seit einigen Jahren weltweit, welche umweltschonenderen Antriebsformen für den Schienenverkehr geeignet sind. Um keine exotischen Sonderlösungen zu entwickeln, haben wir uns für die Brennstoffzellen-Batteriehybrid-Technologie entschieden, die bereits heute einen sehr guten Entwicklungsstand besitzt. Sie eignet sich insbesondere für Regionalzüge aufgrund der Möglichkeit, in den Bremsphasen viel Energie zurück zu gewinnen. Bei Elektrifizierungskosten von 600 000 bis 1 000 000 EUR pro Kilometer gibt es eindeutig einen Markt für unsere Züge.


2. Wie funktioniert ein Brennstoffzellen-Antrieb?
Alstoms Regionalzug mit Brennstoffzellen-Antrieb unterscheidet sich kaum von einem elektrisch angetriebenen Zug. Wesentlicher Unterschied ist, dass die elektrische Energie für den Antrieb und für die Versorgung der Bordsysteme wie Beleuchtung und Klimaanlage nicht aus der Fahrleitung kommt, sondern im Zug selbst innerhalb einer Brennstoffzelle erzeugt wird. In dieser reagiert der in einem Tank auf dem Zug mitgeführte Wasserstoff mit Sauerstoff aus der Umgebungsluft. Dadurch wird elektrische Energie freigesetzt. Außerdem besitzt der Zug eine leistungsfähige Traktionsbatterie. Diese erlaubt es erstmals, auf Strecken ohne Fahrleitung die Bewegungsenergie des Zuges beim Bremsen nicht nur zurück zu gewinnen, sondern sie auch direkt für den nächsten Beschleunigungsvorgang wieder zu nutzen.  Bei Dieselzügen dagegen kann die Bremsenergie nur in Wärme umgesetzt werden.

3. Was sind die sonstigen Vorteile gegenüber dieselbetriebenen Fahrzeugen, aber auch diesel-elektrischen Antrieben?
Der Coradia iLint arbeitet lokal emissionsfrei und mit gegenüber einem Dieselantrieb erheblich reduzierten Geräuschemissionen. Darüber hinaus wird unser Regionalzug mit dem Wasserstoff und dem von Alstom entwickelten intelligenten Energiemanagementsystem langfristig erheblich günstiger im Energieverbrauch zu betreiben sein als Fahrzeuge mit dieselmechanischen oder dieselelektrischen Antrieben bei gleicher Fahrleistung. Bei den Unterhaltskosten liegt der Zug mit Brennstoffzellen-Antrieb bereits heute auf dem Niveau eines konventionellen Antriebs und wird sich durch die weitere Verbreitung dieser Technologie weiter verbessern.

4. Wo werden die Züge gebaut?
Alstom baut die emissionsfreien Regionalzüge Coradia iLint in seinem weltweit größten Werk in Salzgitter. Angesichts der jetzt anstehenden Produktion der Brennstoffzellen-Batterie-Hybrid-Triebzüge sowie weiterer größere Projekte werden wir dort die Belegschaft verstärken. So suchen wir derzeitig aktiv Ingenieurinnen und Ingenieure im Bereich System-Engineering, Leittechnik, mechanische Konstruktion und Fahrwerkbau, die Spaß daran haben, Zukunftsprojekte mitzugestalten.


5. Wann werden die ersten Züge fahren?
Durch unser Servicekonzept ist Alstom in der Lage, den Betreibern dieser Züge ein „Rundum-Sorglos-Paket“ anzubieten, welches neben der Lieferung der Züge die Wartung und die Bereitstellung der notwendigen Infrastruktur für die Versorgung mit Wasserstoff beinhaltet. Daher wird der erste Regionalzug im Probebetrieb schon 2018 in Niedersachsen fahren. Danach ist geplant, ab 2020 sukzessive in Niedersachsen und Nord-Rhein-Westfalen Züge für den Fahrgastbetrieb an unsere Kunden ausliefern.

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Artikel von Interview aus der ETR, Ausgabe 11/16
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