Kontroverse (Teil 2): Scheitern echte Reformen der DB an der EVG?

Der EVG-Vorsitzende Martin Burkert und Professor Rüdiger Sterzenbach debattieren im Magazin "bahn manager" über die Rolle der Gewerkschaft für die Reform der Deutschen Bahn. Quelle: EVG/privat

Kontroverse im bahn manager: In den vergangenen beiden Ausgaben des Magazins haben sich Rüdiger Sterzenbach, ehemals Professor für VWL und VWL und BWL des Personenverkehrs an der Universität Heilbronn sowie CDU-Politiker, sowie Martin Burkert, Vorsitzender der EVG, einen Schlagabtausch geliefert.

In je einem Gastbeitrag stritten die beiden über die Frage: Inwiefern und ob überhaupt trägt die Gewerkschaft Schuld an verschleppten Reformen bei der Deutschen Bahn? Wir dokumentieren beide Texte in voller Länge online. Heute Teil 2 von Martin Burkert. Sie finden Teil 1 von Professor Rüdger Sterzenbach im Link am Ende dieses Textes.

„Die Behauptungen von Rüdiger Sterzenbach sind so falsch, dass es schon weh tut“

Von Martin Burkert

In einem Gastbeitrag in bahn-manager-Ausgabe (Heft 3/26) kritisierte der Verkehrswissenschaftler und Verkehrspolitiker Professor Rüdiger Sterzenbach die EVG. Seine These: Die Gewerkschaft sei ganz wesentlich verantwortlich für die Blockade entscheidender Reformen bei der Deutschen Bahn. Hier reagiert der EVG-Vorsitzende Martin Burkert auf die Vorwürfe. Seine Antwort: Wer ernsthaft glaube, dass die Schuld für die Probleme bei der DB bei den Beschäftigten zu suchen sei, habe „seinen Blick auf die Lage schon so sehr verengt, dass die Augen fest geschlossen sind.“  

Zu den Ursachen der Probleme bei der Bahn habe ich schon viele Theorien gehört. Von nachvollziehbar bis absurd ist alles dabei. Aber die Behauptung, dass ausgerechnet Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Betriebs- und Aufsichtsräten dafür verantwortlich sind, dass bei der Bahn so einiges im Argen liegt, ist so falsch, dass es schon weh tut. Denn es muss doch jedem klar sein: Züge kommen doch nicht unpünktlich, Weichen gehen nicht kaputt und Stellwerke fallen nicht aus, nur weil die Beschäftigten ihre Rechte wahrnehmen dürfen. Wer ernsthaft glaubt, dass die Ursachen der Probleme der Deutschen Bahn bei den Beschäftigten zu suchen sind, hat seinen Blick auf die Lage schon so sehr verengt, dass die Augen fest geschlossen sind. Unsere Kolleginnen und Kollegen sorgen mit harter Arbeit und Know-how doch gerade dafür, dass bei der Bahn überhaupt noch etwas fährt.

 Überraschend sind diese Vorwürfe nicht. Es ist ein altbekanntes Lied: Die Mitbestimmung in Betrieben und Unternehmen hemme die Wirtschaft, blockiere, wo sie nur kann, und sowieso wäre alles viel besser, wenn man die Chef­etage einfach machen lassen würde. Dass der konservative Wirtschaftswissenschaftler Rüdiger Sterzenbach in einem Gastbeitrag in der vergangenen Ausgabe dieses Magazins ein solches Lied anstimmt, ist ebenso erwartbar wie meine Gegenrede als Gewerkschafter. Trotzdem lohnt es sich, einmal in die Details zu gehen.

Manch einer scheint mir gerne zu vergessen, dass es politisch gewollt war, die Deutsche Bahn zu einer Aktiengesellschaft zu machen. Und das Aktienrecht sieht nun einmal bestimmte Regeln für die Mitbestimmung vor. Die Bahn ist da doch kein Sonderfall. Und es braucht sich dann auch niemand wundern, dass Gewerkschaften ihre verfassungsgemäßen Grundrechte auch nutzen. Aber ich will mich gar nicht auf juristische Formalitäten berufen, denn es liegt auf der Hand, dass eine funktionierende Mitbestimmung ein Unternehmen stärkt. Am Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung wurden kürzlich 63 wissenschaftliche Studien ausgewertet, und dort kommt man zu dem Schluss, dass Unternehmensmitbestimmung zu überwiegend positiven ökonomischen Effekten führt. Die Sozial­partnerschaft ist kein Risiko für den wirtschaftlichen Erfolg, sondern dessen Grundlage.

Für den CDU-Politiker Sterzenbach ist der integrierte DB-Konzern (neben der EVG und der betrieblichen Mitbestimmung) die Wurzel allen Übels – und die Trennung von Netz und Betrieb die Lösung aller Probleme. Das überrascht nicht wirklich, liegt er damit doch voll auf Parteilinie. Apropos CDU: Von Sterzenbachs Parteifreund, dem ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier, ist ein sehr schöner Satz zu Debatten und Verhandlungen überliefert: Man solle bedenken, dass der jeweils andere auch recht haben könnte. Meine Empfehlung an Herrn Sterzenbach ist, genau das einmal zu tun. Denn die EVG hält nicht „blind“ am integrierten Unternehmen fest, sondern aus gutem Grund. Wir sind überzeugt davon, dass die Trennung von Netz und Betrieb sowohl Kundinnen und Kunden als auch den Beschäftigten schaden würde. Die Zuverlässigkeitsprobleme der Deutschen Bahn sind vor allem auf gnadenlos veraltete und nicht ansatzweise ausreichende Infrastruktur zurückzuführen. Die wahren Zustände des Netzes wurden zu lange von Bahnvorständen schöngeredet. Gleichzeitig wurde die Infrastruktur der Bahn über Jahrzehnte von der Politik so sehr kaputtgespart und zurückgebaut, dass man schon fast von staatlich organisierter Sabotage sprechen müsste. Da kann man noch so sehr an der Gesellschaftsform des Unternehmens rumschrauben, diese Fakten kann man nicht ignorieren.

Wann immer es in Deutschland um die schlechte Verfassung unserer Bahn geht, zeigt man gerne auf unsere südlichen Nachbarn, um zu untermauern, dass dort alles besser laufe. Nur wenn es um die integrierte Bahn geht, vergisst man die großen Vorbilder jenseits der Grenzen gerne. Denn sowohl in Österreich als auch in der Schweiz sind starke Staatsbahnen ein wichtiger Baustein für das funktionierende System Schiene. Auch das ist nicht verwunderlich, denn wissenschaftliche Studien untermauern, dass integrierte Bahnsysteme vor allem bei hoher Netzauslastung und Mischverkehr vorteilhaft sind. Ich frage mich, ob der Herr Professor diese Studien nicht kennt oder sie nicht kennen will.

Uns wird gerne kritisch vorgehalten, die EVG würde am Status quo festhalten. Unter anderem macht man das daran fest, dass wir vergangenen September Dirk Rompf als neuen Chef der DB InfraGo verhindert haben. Das kann man aber nur so sehen, wenn man ausblendet, dass genau diese Personalie sogar noch ein Rückschritt gewesen wäre. Der ehemalige Bahnmanager Rompf steht wie kaum ein zweiter im wahrsten Sinne des Wortes für falsche Weichenstellungen. Noch dazu lohnt sich ein Blick in die Funktionsweise eines Aufsichtsrats. Denn die Eigentümerseite hätte dank des doppelten Stimmrechts des Aufsichtsratsvorsitzenden in Pattsituationen die Personalie Rompf einfach durchstimmen können. Die Mehrheit wäre auch ohne die angeblichen Blockierer von der Arbeitnehmerseite da gewesen. Oder etwa nicht? Bekanntermaßen kam es nicht zur Abstimmung. Vielleicht war man sich dann auf Eigentümerseite doch gar nicht mehr so sicher, ob diese Personalie die Richtige ist. Und so muss dann auch ein Professor Sterzenbach den Gedanken zulassen, dass es am Ende vielleicht gar nicht die unheimliche Macht der Gewerkschaft war, die Herrn Rompf verhindert hat, sondern einfach die Kraft unseres Arguments.

Um es klarzumachen: Die EVG ist keine ideologisch verbohrte Blockademacht. Wir streiten hart in der Sache, aber immer konstruktiv für die Interessen der Eisenbahnerinnen und Eisenbahner. Und auch für die Zukunft der Unternehmen. Dass wir dabei unsere Verantwortung kennen, sie annehmen und auch zu Einschnitten bereit sind, zeigt die Sanierung der DB Cargo eindeutig.

Zum Schluss noch einmal der gut gemeinte Rat an alle mit festzementierten Weltbildern: Halten Sie es mit Volker Bouffier – vielleicht haben zumindest ab und zu auch andere recht. 

Der Text ist zuerst erschienen in bahn manager Heft 4/2026. Gastkommentare geben nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider.

Lesen Sie hier Teil 1 der Kontroverse von Professor Rüdiger Sterzenbach: https://www.eurailpress.de/nachrichten/detail/news/kontroverse-scheitern-echte-reformen-der-db-an-der-evg.html

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